Archäologie ohne Grenzen in Rheinau und Altenburg

14.03.2019 - Medienmitteilung

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Römische Fibeln

Die Kantonsarchäologie Zürich wollte es genau wissen: Was lässt sich über ein Gebiet herausfinden, wenn man es mit allen zur Verfügung stehenden Methoden untersucht? Tausende Fundobjekte, die Auswertung von Luftbildern, Sondiergrabungen und archäologische Tauchgänge bringen neue Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte sowie zum Leben und Arbeiten in Rheinau und Altenburg (D) von der Urgeschichte bis ins 21. Jahrhundert.

«Prospektion» ist der archäologische Fachbegriff für die Suche nach neuen Fundstellen ohne Eingriffe in den Boden. Sie findet im Kanton Zürich laufend statt und bringt wertvolle Hinweise zur Vergangenheit unseres Lebensraums und für den Schutz archäologischer Kulturgüter.

2004 startete die Kantonsarchäologie Zürich in Rheinau, Altenburg und Umgebung ein gleich mehrfach grenzüberschreitendes Prospektionsprojekt. Einerseits untersuchte sie das Gebiet beidseits der Landesgrenze zu Deutschland, andererseits überschritt sie auch die Grenzen ihres Faches. Zur traditionellen archäologischen Arbeitsweise kamen naturwissenschaftliche Methoden und historische Recherchen hinzu. Und schliesslich sollte der Blick auch über die Epochengrenzen hinaus geweitet werden, um zu erkunden, was dort vom Ende der letzten Eiszeit bis zum 21. Jahrhundert passierte.

Suche mit allen Mitteln

Feldbegehungen sind ein bewährtes Mittel, um mit blossem Auge oder unterstützt durch einen Metalldetektor an der Erdoberfläche Hinweise auf die menschliche Tätigkeit in vergangenen Zeiten zu finden. Seit 1988 steigen Archäologen auch ins Flugzeug, um verborgene Strukturen zu entdecken. Mauern, Gruben und Pfosten zeichnen sich auf Luftbildern durch unterschiedliche Verfärbungen in Wiesen und Feldern ab. Ebenfalls aus der Höhe tasten Laserscanner den Boden ab und liefern Daten, die feinste Oberflächenstrukturen erkennen lassen. Prospektion aus der Luft erlaubt die Untersuchung grosser Flächen.

Auf vielversprechenden Arealen geht die Erforschung am Boden mittels Magnetik, Georadar, Seismik und Elektrik weiter, die ohne zu Graben ähnlich einem Röntgenbild einen Einblick in den Untergrund erlauben. An fünf ausgewählten Orten griff man schliesslich zur Schaufel, um die Resultate der Prospektion zu überprüfen und die Strukturen im Boden genau zu verstehen. Den Rhein schwammen Taucher ab, um aus der Luft entdeckte Konstruktionen zu inspizieren. Recherchen in Archiven und Bibliotheken trugen mit historischen Dokumenten, alten Forschungsberichten, Landkarten und Plänen weitere Bestandteile zum Gesamtbild bei.

Reiche Beute

Das Resultat ist beachtlich: Mehrere Hundert Werkzeuge aus Feuerstein, Tausende Fragmente von Keramikgefässen und Metallobjekte kamen so zusammen. Die insgesamt 800 Münzen stammen aus der Eisenzeit, dem Mittelalter und der Neuzeit. Speziell sind Tuch-, Salz- und Bahnplomben, die auf die Bedeutung von Rheinau als Zoll und Warenumschlagsplatz verweisen. 250 Devotionalien, Medaillen und Anhänger mit religiösen Motiven, stehen im Zusammenhang mit den Pilgerfahrten nach Rheinau im 17. und 18. Jahrhundert. Besonders wertvoll ist eine päpstliche Bleibulle aus dem 14. Jahrhundert, die wohl einst an einer wichtigen Urkunde hing.  

Neue Erkenntnisse

Die zusammengetragenen Informationen und Fundstücke decken einen Zeitraum vom Mesolithikum bis zum 21. Jahrhundert ab. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte bis hin zum religiösen Brauchtum. Einzelne Aktivitätszonen können näher bestimmt werden, ein Brucherzdepot beispielsweise weist auf ein Händlerdepot oder eine nahegelegene Werkstätte hin. Die Oberflächenfunde machen zeitliche Verschiebungen der Siedlungsareale innerhalb des keltischen Oppidums fassbar.

Über die Bronzezeit und die römische Epoche wusste man bislang nur wenig. Auch da erlauben die neuen Resultate zahlreiche Rückschlüsse. Am Isenbuck gelang es, archäologische Überreste einer verschwundenen Siedlung des 8. bis 10. Jahrhunderts zuzuweisen, deren Name jedoch noch nicht bekannt ist. Die von Tauchern untersuchte Holzkonstruktion im Rhein konnte als Mühlewuhr, eine Flussverbauung, aus der Zeit um 1600 identifiziert werden.

Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 51 (Zürich/Egg 2019)

Archäologie in Rheinau und Altenburg. Prospektionen im schweizerisch-deutschen Grenzgebiet

Autor: Patrick Nagy, 424 Seiten, 255 Abbildungen, 54 Tafeln
Preis Fr. 95.–, bei Eintreffen der Bestellung bis 30. September 2019 Fr. 70.–
Bezug: Verlagsshop auf www.fo-publishing.ch
 

Spurensuche mit naturwissenschaftlichen Methoden
Spurensuche mit naturwissenschaftlichen Methoden: Das Magnetometer zeigt an, wo archäologische Strukturen im Boden verborgen sind. (Foto: GGH Solutions in Geosciences, Freiburg i.Br.)

Römische Fibeln
Römische Fibeln (Gewandschliessen) bringen wertvolle Hinweise zu einer bisher kaum erforschten Epoche. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)

Löwe aus Bronze
Unter den vielen Funden sticht der fein gearbeitete Löwe aus Bronze besonders hervor. Er wurde im 12. oder 13. Jahrhundert gegossen. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)

Pilger besuchten Rheinau im 17. bis 19. Jahrhundert
Zahlreiche Pilger besuchten Rheinau im 17. bis 19. Jahrhundert. Immer wieder verloren sie Abzeichen, die sie von einer ihrer Wallfahrten mitbrachten. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)

(Medienmitteilung der Baudirektion)

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